Die Vorgeschichte
Was im Herbst 1987 in der Gärtnerei Krämer geschah – zusammengetragen aus Zeitungsberichten, Polizeiakten und dem, was man sich in Moers bis heute erzählt.
I · Die Gärtnerei
Fünfunddreißig Jahre lang war die Gärtnerei Krämer ein Ort, an dem nichts Besonderes passierte. Friedrich und Grete Krämer hatten das Land hinter ihrem Haus 1952 gepachtet, später gekauft. Er grub, sie pflanzte. Ihr Sohn Elias wuchs zwischen den Beeten auf und half später auf dem Wochenmarkt.
Wer damals dort einkaufte, erinnert sich vor allem an zwei Dinge: an Gretes Tomaten, die man bis nach Krefeld kannte, und an ein Lied. Grete summte bei der Arbeit, immer dieselbe kurze Melodie, ohne Worte. Man hörte sie schon am Tor, bevor man sie sah.
II · Der Winter, in dem Grete starb
Im Herbst 1986 wurde Grete krank. Friedrich führte den Betrieb mit Elias weiter, aber er war kaum noch zu sehen. Im März 1987 hieß es, Grete sei gestorben. Eine Beerdigung gab es nie. Auf dem Friedhof sucht man ihren Namen bis heute vergeblich.
Seit diesem Frühjahr brannte im Gewächshaus jede Nacht Licht. Nachbarn sahen Friedrich mit Kanistern und Kisten hineingehen. Elias kam nicht mehr auf den Markt. Und manchmal, spät am Abend, hörte man aus dem Gewächshaus wieder diese Melodie.
III · Der Sommer der Vermissten
Im Juni verschwand die erste Person. Danach kamen weitere hinzu, bis Ende Oktober insgesamt elf: eine junge Frau mit rotem Wollschal, ein Student in gelber Regenjacke, ein Rentner, der jeden Samstag seine Kürbisse bei Krämers kaufte. Niemand brachte die Fälle damals miteinander in Verbindung.
Dabei war die Ernte der Krämers in diesem Jahr so gut wie nie. Die Kürbisse wurden so groß, dass zwei Männer einen tragen mussten. Die Tomaten waren innen tiefrot. Und die Erde hinter dem Gewächshaus blieb warm, als der erste Frost kam.
IV · Der letzte Verkaufstag
Am Samstag, dem 31. Oktober 1987, hatte die Gärtnerei zum ersten Mal bis in die Nacht geöffnet. Überall hingen Laternen. Elias führte die Kundschaft in kleinen Gruppen durch den Garten, „damit Vater in Ruhe arbeiten kann“. Viele kamen. Nicht alle erinnern sich daran, wie sie wieder nach Hause gekommen sind.
Am nächsten Morgen stand das Tor offen. Das Haus war leer, der Tisch für drei Personen gedeckt. Friedrich und Elias Krämer wurden nie wieder gesehen. Die Beete hinter dem Gewächshaus waren frisch umgegraben, und zwar alle.
V · Danach
Die Polizei suchte zwei Jahre lang. 1989 wurde die Akte geschlossen: ungeklärt. Das Grundstück verwilderte, der Baumstreifen wuchs über die Wege. Kinder liefen nachts am Zaun vorbei und behaupteten, jemanden summen zu hören.
Im Herbst 2027 ist das Tor zum ersten Mal wieder aufgegangen. Ein junger Mann, der sich Jonas Krämer nennt, hat den Boden umgegraben und das Gewächshaus hergerichtet. Er sagt, er sei Friedrichs Enkel. Im Oktober 2028 soll die Gärtnerei wieder öffnen, nur abends, nur in kleinen Gruppen.
Die Erde hat einundvierzig Jahre gewartet. Sie hat Hunger.